Der Boden auf dem er lief war feucht und kalt. Er spürte jedes Blatt, jeden Stein und die Nässe durch seine dünnen Stoffschuhe. Links und Rechts des Weges standen große alte Eichen. Sie sahen auf ihn herab. Die Eichen waren alt, modrig und feucht. Langsam kroch der weiße, kühle Nebel zwischen ihren großen, wuchtigen Wurzeln hindurch. Jedoch schien der Nebel es nicht zu wagen über den Waldweg zu kriechen. Es bildeten sich kleine Nebelschwaden, welche sich langsam zu einer Art Mauer verdichteten. Die Nebelwand verschluckte die Bäume und hüllte die Umgebung in ein trübes, weißes Gewand.

Gandriel zurrte den Ledergürtel noch etwas fester, als wolle er den Nebel davon abhalten ihm in die Weste zu kriechen. Als er an einem besonders alten Baum vorbei lief, dessen Stamm ihn wie ein Gesicht anstarrte, kamen ihm wieder die Ereignisse der vergangenen Jahre in den Sinn. Worauf hatte er sich da nur eingelassen? Wäre es nicht besser gewesen, er hätte sein Leben so gelassen wie es war? Doch nun war er dort angekommen wo er nie im Leben hinwollte; in einer Sackgasse. Nun geschah etwas sonderbares, der Nebel fing an sich stärker zu bewegen. Es bildeten sich kleine Nebelspiralen. Diese wurden immer größer und größer bis der Nebel anfing Dellen und Beulen zu bilden. Langsam wurden schwache Umrisse menschlicher Körper sichtbar. Gandriel schloss die Augen in der Hoffnung dies wäre alles nur ein schlechter Traum. Doch die Umrisse wurden deutlicher, es waren schon bald Gesichter zu erkennen. Er spürte wie ihm etwas kaltes, feuchtes auf die Schulter gelegt wurde. Als er jedoch versuchte es mit der Hand zu verscheuchen, striff er nur über seine, mit Leder bedeckte, Schulter. Das Gefühl der Kälte und feuchte blieb. Seine Füße hörten wie von selbst auf sich zu bewegen. Es herrschte Stille im Wald. Er versuchte ein weiteres Mal das kalte, feuchte etwas von der Schulter zu wischen. Das Gefühl blieb. Gandriel erschrak, als ein Rabe krähte, so stark, dass er den Kopf über die Schulter drehte die Augen öffnete und in ein weißes, unnatürliches Gesicht einer Frau aus Nebel starrte. Er stieß einen fürchterlichen Schrei aus. Die nassen Fersen bohrten sich in den Waldboden als er sich auf der Stelle umdrehte und überstürzt nach vorne rannte.

Erst jetzt bemerkte er, dass zu beiden Seiten des Weges ebenfalls Nebelgestalten aufgetaucht waren. Er rannte, schneller und schneller. Äste schlugen ihm ins Gesicht. Dornen kratzten an seinen Kleidern und die dünnen Stoffschuhe waren mittlerweile völlig durchweicht. Doch es half nichts, die Nebelgestalten verfolgten ihn. Die Frau hinter ihm begann mit unnatürlich tiefer, rauchiger und hallender Stimme zu rufen. „Warum? Warum hast du es getan?”. Gandriel drehte sich um. Er sah der Frau wieder direkt ins Gesicht. Die Augenhöhlen waren leer und unergründlich tief. Nebel stob aus ihren Nasenlöchern und ihre langen, weißen Haare wehten leicht im Wind. Für einen Moment vergaß Gandriel dass er auf der Flucht war. Er verlor sich in den Augen der Frau. Erst das harte auftreffen auf dem Waldboden holte ihn zurück ins Jetzt. Er war gestolpert und lag mit dem Rücken auf dem Waldboden. Die weiße Frau beugte sich über ihn. „Ich konnte nicht anders! Mein Meister zwang mich dazu!”, rief er mit quiekender Stimme und wich hektisch nach hinten aus. Da spürte er wieder die Kühle und die Feuchte auf seiner Schulter. Gandriel blickte sich um und sah wie 3 weitere Nebelgestalten auf ihn zu kamen. Wieder rief er panisch „Was wollt ihr von mir? Ich bin unschuldig! Habe nur den Befehl meines Meisters ausgeführt.”,„Wir wollen Rache! Rache wollen wir!”, fingen sie an im Chor zu rufen. Die Nebelgestalten kamen näher und näher. Dabei fingen sie an melodisch ein schauriges Gedicht zu reimen:

Rache! Rache!
Für das gemachte!
Rache! Rache!
Für das Geschlachte!

Um Gandriel wurde es immer dunkler, der Nebel schien sich zusammen zu ziehen, ihn zu fesseln. Die Gestalten waren schließlich bis auf ein paar Schritte an Gandriel heran getreten und umschlossen ihn. Sie bildeten einen Kreis, legten ihre Hände ineinander, fingen an sich um ihn herum zu bewegen, zogen den Kreis immer enger. Gandriel wurde schwach, seine Beine zitterten. Vor seinen Augen bildeten sich schwarze Flecken. Die Kälte der Nebelgestalten fuhr in sein inneres als sie ihn berührten. Er hörte noch die letzten Male ihr gruseliges Gedicht. Dann wurde ihm schwarz vor Augen. Die Welt um ihn herum schien zu verstummen. Hätte er noch etwas gefühlt, hätte er mitbekommen, wie die Kälte des Nebels langsam seinen Körper einnahm und die Geister ihm die letzte Lebenskraft raubten. Doch er spürte nichts mehr, lag nur noch reglos am kalten, feuchten Waldboden. Seine Vergangenheit hatte ihn eingeholt.

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